Gorcumer Stadtführer im Rampenlicht: aus der Sicht von Alet
„Wenn die Menschen am Ende mit einem Lächeln nach Hause gehen, habe ich mein Ziel erreicht.“
Alet lebt bereits seit dreißig Jahren in Gorinchem. Sie ist im Bildungswesen tätig, stand rund 25 Jahre lang vor der Klasse und ist mittlerweile seit fünf Jahren als interne Beraterin tätig. Doch neben dem Bildungswesen zieht sich schon seit langem ein weiteres Interesse wie ein roter Faden durch ihr leven: Geschichte und die Geschichten von Gorinchem.
Mit ihren 53 Jahren ist Alet die jüngste der Stadtführerinnen. Stillsitzen kommt für sie daher vorerst nicht in Frage. Sie verbindet ihre Arbeit mit der Tätigkeit als Stadtführerin, und da sie mittlerweile etwas weniger arbeitet, ist sie immer häufiger mit Gruppen in der Stadt anzutreffen.
Ein Wunsch von vor zwanzig Jahren
Dass Alet einmal Stadtführerin werden würde, zeichnete sich eigentlich schon früh ab.
Vor etwa zwanzig Jahren sah sie in der Stadt Gorinchem eine Ausschreibung der Touristeninformation: Es wurden neue Stadtführer gesucht. Sie fand die Idee sofort großartig, doch mit einer jungen Familie und ihrer Arbeit war dies zu diesem Zeitpunkt nicht realisierbar. Das Interesse ließ jedoch nie nach.
Um das Jahr 2018 herum bot sich ihr erneut eine Gelegenheit. Während der „Havendagen“ sah sie, dass das Fremdenverkehrsamt Hostessen suchte. Alet arbeitete zu dieser Zeit drei Tage pro Woche und dachte sich: Wenn ich jemals Stadtführerin werden möchte, ist dies ein guter erster Schritt.
Sie begann als Empfangsmitarbeiterin zu arbeiten, belegte den Kurs „Gorcumkunde“ und hoffte unterdessen weiterhin auf eine Stelle als Stadtführerin. Anfang 2019 hörte sie während ihrer Arbeit am Schalter der Touristeninformation zufällig, dass Verstärkung gesucht wurde.
„Da sagte ich sofort: Hey, das würde ich gerne machen!“
Gemeinsam mit Dick Bosch unternahm sie ihren ersten Spaziergang. Danach durfte sie sich sofort auf eigene Faust auf den Weg machen.
„Eigentlich wurde ich sofort ins kalte Wasser geworfen.“
Genau zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.
Eine Gruppe soll mit einem Lächeln nach Hause gehen
Für Alet dreht sich bei einem Stadtrundgang nicht nur alles um Jahreszahlen und historische Fakten. Ihr geht es vor allem darum, dass die Menschen eine schöne Zeit haben.
„Es gibt eigentlich nur eine Sache, die ich tun muss: dafür sorgen, dass die Menschen mit einem Lächeln wieder abreisen.“
Das bedeutet auch, dass kein Spaziergang genau wie der andere ist.
Alet beobachtet die Menschen, die vor ihr stehen. Hat eine Gruppe großes Interesse an Architektur? Dann widmet sie Fassaden und Gebäuden mehr Aufmerksamkeit. Sind echte Gorcummer dabei? Dann sucht sie gezielt nach Geschichten, mit denen sie diese überraschen kann.
Bei einem Spaziergang mit einer Gruppe aus Utrecht stellte sie beispielsweise fest, dass großes Interesse an Fassadensteinen, „Memory Bricks“ und Wandmalereien bestand. Ihre Route und ihre Erzählungen passt sie dann entsprechend an.
Auch Familien findet sie großartig, um mit ihnen auf Entdeckungstour zu gehen. „Dann entstehen ganz andere Gespräche, und man erlebt die kleinen Scherze, die in einer solchen Familie typisch sind.“
Die Geschichte steht fest, doch der Rundgang passt sich den Menschen an.
Ein kurzer Rückblick auf das 19. Jahrhundert
Alet erzählt gerne von bekannten Persönlichkeiten wie Hugo de Groot, Willem van Arkel und Jacoba von Bayern. Doch gerade die kleineren Geschichten sind es, mit denen sie die Menschen gerne einen Moment innehalten lässt.
In der Nieuwsteeg stehen zwei kleine weiße Arbeiterhäuschen. Dort entführt sie ihre Gruppe zurück ins Gorinchem des 19. Jahrhunderts.
Sie schildert das leven einer Familie mit sechs Kindern und einer Mutter, die erneut schwanger ist. Das Wasser aus dem Kalkhaven wird zum Kochen der Kartoffeln verwendet, während dasselbe Wasser für allerlei andere, weitaus weniger hygienische Zwecke genutzt wird.
Alet bittet ihre Gruppe, sich vorzustellen, wie es wohl gewesen sein muss, dort zu leben. Wie es gerochen hat. Wie eng die Menschen beieinander lebten. Und was man vielleicht hörte, wenn es abends still wurde.
So wird ein kleines Häuschen plötzlich zu viel mehr als nur einer alten Fassade.
„Ich möchte den Menschen echt das Gefühl vermitteln, in jene Zeit versetzt zu werden.“
Geschichten, die einem soms sehr nahegehen
Ein weiterer Ort, der bei ihren Spaziergängen Eindruck hinterlässt, ist die alte Findelkindklappe. Die Geschichte dahinter berührt die Menschen. Vor allem bei Müttern sieht Alet soms die Rührung in ihren Gesichtern.
„Dann stehen sie echt mit Tränen in den Augen da.“
Genau das findet sie besonders bemerkenswert. Nicht, weil eine Geschichte traurig sein muss, sondern weil Geschichte in einem solchen Moment keine ferne Angelegenheit mehr ist.
Es geht um echte Menschen, die vor Hunderten von Jahren durch dieselben Straßen gingen wie wir heute.
Auch Kinder tauchen in die Geschichte ein
Dieses Erlebnis nutzt Alet auch bei ihren Kinderwanderungen.
Bei der Geschichte über Hugo de Groot erhält beispielsweise eines der Kinder ein Schwert und darf Wache stehen. Die anderen Kinder werden aktiv in die Geschichte einbezogen. Auf dem Weg von Buiten de Waterpoort zum Grote Markt wird die Geschichte kindgerecht erklärt, und unterwegs kommen sie an Orten wie dem „Hugo-de-Groot-Türchen“ und der „Findelkind-Klappe“ vorbei.
„Dann sagen sie: Da legt man doch kein Baby hinein?“
Genau diese Reaktion sucht Alet. Denn sobald Kinder Fragen stellen, erwacht die Geschichte zum leven.
Auch während ihres „Hausierer-Spaziergangs“ – der von Alet speziell für die 5. und 6. Klasse der Grundschule konzipiert wurde – macht sie Geschichte greifbar. Sie nimmt einen Korb mit Gegenständen mit, die mit verschiedenen historischen Orten in Verbindung stehen, wie beispielsweise dem Gasthaus, dem Waisenhaus, dem Tolhuis, dem Kloster und dem Wassertor.
Unterwegs erhalten die Kinder Straßennamen, die sie selbst entdecken sollen.
„Dann bekommen sie das Gefühl: Wir gehen jetzt hier entlang, aber vor Hunderten von Jahren gingen hier auch schon Menschen. Manche Straßennamen werden bereits seit 600 oder 700 Jahren verwendet.“
Von einer unbekannten Stadt zu einer großen Überraschung
Wie viele andere Stadtführer hört auch Alet regelmäßig dasselbe von den Besuchern.
Gorinchem? Das kennen die Leute vor allem wegen der Staus.
„Sie wissen, dass es irgendwo an der Autobahn liegt. Dann haben sie eine Werbung gesehen und denken sich: Es soll dort eigentlich ganz nett sein.“
Sobald man die Innenstadt betritt, ändert sich dieses Bild schlagartig. Wenn man über die vestingwallen spaziert und über den Fluss in Richtung Woudrichem blickt, folgt oft dieselbe Reaktion: „Wow, wie schön und grün es hier ist.“
Und genau das ist es, was Alet selbst an Gorinchem so besonders findet. Man wohnt mitten in der Stadt, ist aber innerhalb von zehn Minuten auf dem Deich, umgeben von viel Grün.
„Die Aussicht ist jeden Tag anders. Ob Regen, Sturm oder Sonne: Es ist immer wunderschön.“
Geschichte mit einem Augenzwinkern
Obwohl Alet den Menschen gerne etwas beibringt, muss ein Stadtrundgang mit ihr keineswegs zu einer Geschichtsstunde werden. Sie vermischt historische Erzählungen mit eigenen Erfahrungen und humorvollen Momenten. Geschichten aus der Vergangenheit werden mit dem heutigen Gorinchem verknüpft. Und soms hebt sie sich etwas Düsteres für den Schluss auf.
So beendet sie ihren Rundgang gerne mit der Geschichte über die Hexe vom Helmsteeg. Wer dachte, es würde nur gemütlich bleiben, erlebt dann noch eine letzte Überraschung.
Jede Gruppe bringt eine neue Geschichte mit
Das Schöne an Führungen ist laut Alet, dass man nie genau weiß, wer vor einem steht.
So begleitete sie einmal eine 89-jährige vrouw , die sich als Schwester des Künstlers Jan van Munster herausstellte, dessen Kunstwerke in Gorinchem zu finden sind. Als Kind hatte die vrouw hier gespielt, und im fortgeschrittenen Alter wollte sie diese Orte ihrer Familie noch ein letztes Mal zeigen.
Ein ganz anderes Erlebnis als ein Betriebsausflug, eine Gruppe neuer Einwohner von Gorinchem oder eine Familie, die gemeinsam einen Tagesausflug unternimmt. Und genau das macht es für Alet so reizvoll. Jede Gruppe bringt ihre eigenen Geschichten mit.
Betrachten Sie Ihre Stadt einmal aus einem anderen Blickwinkel
Warum sollten Sie einen Stadtrundgang buchen, wenn Sie selbst schon seit Jahren in Gorinchem wohnen? Alet muss darüber nicht lange nachdenken.
„Denn danach sieht man die Stadt mit anderen Augen.“
Die Fassadensteine, Straßennamen, alten Gebäude und kleinen Details sind nicht nur bloße Kulisse. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte von Gorinchem.
Ihr persönlicher Tipp lautet daher, auf jeden Fall einmal einen Rundgang über die vestingwallen zu machen. Aber glauben Sie, dass Sie Gorinchem inzwischen schon gut kennen?
Dann sollten Sie sich unbedingt von einem Stadtführer begleiten lassen.
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie am Ende doch wieder etwas entdeckt haben, an dem Sie jahrelang vorbeigegangen sind.